Geschichte



Der folgende verkürzte Beitrag von Hans
Fink (1975) zur Heimatkunde Südtirols lässt einen Einblick in die bewegte Geschichte
Pfreins zu. Höfe
zwischen Fels und Wolken
Beitrag zur Heimatkunde Südtirols
Urkundlich wurde Pfrein erstmals im Jahr 1415 urkundlich „Guet zu Pfrein“ erwähnt. 150 Jahre später, um 1564, war bereits die Rede von zwei Höfen, die sich
Ober- und Unterpfrein nannten und deren Besitzer Anton Pfreiner geheißen hat.
Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert war bekanntlich die Zeit der großen
Landnot in Tirol. Die gewaltigen Wunden des Pesteinbruches von 1348 waren
längst verheilt, die Höfe quollen wieder über vom Reichtum an Kindern, von
einer Auswanderung wußte man nichts, und der Bergsegen, der einst vielen Brot
und Arbeit gegeben hatte, schlief mit der Entdeckung Amerikas förmlich ein.
Also:
Was blieb den Menschen anderes, als hinauf bis an den äußersten Rand von
Lebensmöglichkeit und hinein in die entlegensten Täler, wo mit der Waldgrenze
oder gar dem Gletscher auf du und du stand.
Der
Name Pfrein scheint rätoromanischen Ursprungs zu sein, ist wohl über
„vorgo-vorgín“ zu „frena-fraina“ und endlich Pfrein geworden und bedeutet „Erdrutsch, Murbruch“ oder „steiles Gelände“.
Später
ist Pfrein dann zu einem einzigen Hof zusammengewachsen, der 81,5 Hektar Grund
umfaßt. Das klingt zwar ermutigend, verliert aber sofort seinen Nimbus, wenn
wir hören, daß nur 5 ha nutzbar waren, 55 ha von Wald bedeckt wurden und 21 ha
als vollkommen unproduktiv gewertet wurden, da sie nur aus Fels oder steilen
Hängen bestanden, wo selbst das Edelweiß zu finden ist. Trotzdem hielt man zu
Pfrein gänzjährig bis zu 10 Rinder und 20 Geißen, doch was es an Fleiß und
Schweiß kostete, das Gras zu sicheln und auf dem Rücken heimzuschleppen steht
auf einem anderen Blatt.
Gegen 1930 ging man daran, zu Unterpfrein ein neues Haus aufzurichten, Steine für
die Trockenmauer waren wohl da, auch genügend Baumstämme. Es fehlte aber ein
Weg zu einem Sägewerk und so war man gezwungen, das Holz mit einer Handsäge zu
Dielen und Brettern zu schneiden. Diese mühsame Arbeit wurde von Nachbarn
geleistet, die pro Tag fünf Lire verdienten, eine Summe, mit der man sich
damals knapp fünf Viertelliter Wein im Gasthaus leisten konnte.
Es ist uns nicht überliefert, wie
die lange Reihe der Menschen geheißen habe, die in Pfrein gelebt und
Kinder zur Welt gebracht haben. Reich fließen die Geschichten um den gegen 1940
verstorbenen Michael Mesner, der mit Frau und Kindern in diesem Ödland hauste
und mit „Pfreiner Michele“ angesprochen wurde. Dieses Michele war ein Kerl voll
Schalk und Humor, kam aber selten nach Latzfons, da er – wie wohl auch seine
Vorgänger – von verschiedenen Kirchenpflichten dispensiert war. Tauchte er aber
im Dorf auf, so wurde er von den Kindern wie ein Wesen aus einer anderen Welt
bestaunt oder betastet und von den Erwachsenen ausgehorcht.
Infolge der Abgeschiedenheit des
Hofes wechselten die Nachfolger des Michele immer wieder. Der letzte wirkliche
Pfreiner, der auch winters mit seiner Familie in dieser Einöde geblieben ist,
war Josef Burger aus Sarnthein, genannt der „Fleckinger“. Am Dienstag in der
Karwoche, den 11. April 1960 traf es ihn, mit einigen Kitzen im Rucksack den
weiten Weg nach Klausen zum Metzger anzutreten. Der Steig war noch vereist,
Burger rutschte aus und stürzte von der Weißen Wand in die kirchtumhohe
Schlucht des Schindeltals, aus der er nur noch als Leiche geborgen werden
konnte. Er wurde im Sarnthein beerdigt. Trotz dieses schweren Schlages hielt es
die Witwe noch zwei Jahre in Pfrein aus. Man erzählt sich, im Winter sei jemand
vom Steinerhof in Latzfons einmal in der Woche aufs Joch gestiegen, um von dort
nach Pfrein zu schauen, ob noch Rauch aufstieg, also jemand am Leben war.
1962 auf 1963 haben Menschen und
Vieh letztmalig zu Pfrein den Winter überstanden. Nun hat mittlerweile der
Obermarzuner-Bauer von Villanders den Hof erworben, nutzt ihn aber nur noch als
Sommeralm. Nun ist er bemüht, von der Villanderer Seite her eine
zeitnahe Zufahrt zu errichten. So wird auch er zu einem Pionier.
Klingen nicht auch die jüngeren
Berichte um Pfrein fast wie eine Sage? Lägen sie nicht erst 12 Jahre zurück,
möchte man sie für eine solche halten.
Hans Fink
Pfrein heute
1994 hielt mit den Schottischen
Hochlandrindern wieder eine ganzjährige Bewirtschaftung Einzug in Pfrein. Alois
Baumgartner, Sohn des Obermarzonerbauern, begann neuerlich die Wiesen zu mähen
und Vorrat für die Wintermonate anzulegen. Ein Dank gilt hierbei seinen vielen
guten Freunden und Kollegen, die ihm bei dieser nach wie vor anstrengenden
Arbeit immer tatkräftig unterstützten und mit Rat und Tat zur
Seite stehen.
Im Jahr 1998 hat Luis, wie er von
allen genannt wird, Pfrein von seinem Vater übernommen und eine neue
Zufahrtsstraße erbaut. In den Jahren darauf wurde Unterpfrein wieder bewohnbar
gemacht. Die Dächer der beiden Gebäude wurden erneuert und mit Schindeln
eingedeckt. Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden instand gesetzt, um so
einen Verfall zu vermeiden. Waldwege wurden errichtet, Weiden eingezäunt,
überfällige Ausforstungen und Wasserregulierungen durchgeführt. Luis verbrachte
jede freie Minute in Pfrein, seine Familie begleitete ihn vor allem in den
Sommermonaten.
2004/2005 wurde mit der Planung
und dem Neubau des ehemaligen Oberpfreinhofes begonnen. Eine Standortverlegung
auf die Pfreiner Alm wurde beschlossen. Im Jahr 2009 waren die neuen Almgebäude
bezugsfertig. Luis Baumgartner und seine Familie verbringen nun den Großteil
der Sommermonate dort.
Im Juli 2014 wurde beschlossen, das Wohngebäude von Unterpfrein zu Ferienwohnungen umzubauen. Mit viel Liebe und Sorgfalt konnte der ursprüngliche Charakter von Pfrein erhalten werden.
Nach drei Jahren Umbauarbeiten wurden
die Wohnungen fertiggestellt und stehen nun unseren Gästen zur Verfügung.